Dienstag, 26. Juli 2016

Jesus Christus Erlöser

"Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe."
(Stimme vom Himmel, Matthäus 3, 16)


"Wehe euch Priestern! Ihr schämt euch nicht, euch öffentlich die Hände küssen zu lassen und euch "Heiliger Vater" nennen zu lassen! Warum soll man euch die Hände küssen - und warum seid ihr heilig? Und von wem seid ihr Vater?"

Klaus Kinski, 1926 im damals deutschen, heute polnischen Zoppot geborener Schauspieler, bekannt und gefürchtet als arroganter Gast verqualmter deutscher Talkshows der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, weniger bekannt als mutmaßlicher Kinderschänder (seine Tochter Pola beschuldigte ihn, er habe sie als Kind sexuell missbraucht), jener Klaus Kinski also tourte im Jahre 1971, den Jesus gebend, durch die westdeutsche Bundesrepublik und zitierte hierbei umfassend aus dem Neuen Testament. Kinski hatte, das muss man ihm lassen, auf 30 Manuskriptseiten schön zusammengefasst, was quasi die Essenz dessen ist, was Jesus vor zweitausend Jahren predigte. Kinski fügte lediglich einige aktuelle Bezüge, etwa zum Vietnamkrieg, hinzu. 

Das Berliner Publikum tobte, allerdings weniger im positiven Sinn. Schon nach wenigen Sekunden wurde der Künstler rüde unterbrochen: "Kinski raus!" "Du hast doch nie gearbeitet!" (Applaus); "Der onaniert doch ständig in die Luft!". Kinski musste sich so einiges anhören und vieles einstecken.

Dann begann er auszuteilen und beschimpfte seinerseits recht drastisch das Publikum ("Komm, halt deine Schnauze, damit du jetzt hörst, was ich jetzt sage!"; "und vor allem, komm DU jetzt hierher, der so ein großes Maul hat!"; "Nein, er hat nicht gesagt: ‚Halt die Schnauze‘. Er hat eine Peitsche genommen und hat ihm in die Fresse gehauen! Das hat er gemacht, du dumme Sau! Und das kann dir auch passieren!") und drohte mehrfach mit Abbruch seiner Show ("Entweder, die anderen, die nicht zum Gesindel gehören, schmeißen die anderen jetzt raus - oder sie haben ihr Geld umsonst bezahlt!").






Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: "Eli, Eli, lama asabthani?" das ist: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Wahrlich, ich sage euch ...


Hört man sich die komplette Vorstellung heutzutage an (Kinski begann nach Abzug des Großteils der Störer die gesamte Vorstellung einfach noch einmal von vorne), verliert man leicht den Blick auf den eigentlichen Inhalt: Wort und Wirkung des Jesus von Nazareth.

Das Anschauen des Videos hatte meine Neugier geweckt: Waren die sprachlich so gewaltigen Sätze Kinskis eigentlich Originalzitate von Jesus? Ich nahm ein Neues Testament zur Hand, las das Evangelium von Matthäus nach und schrieb - ganz Naturwissenschaftler - all diejenigen Jesus-Zitate heraus, die keinen Bezug auf Wundersames, Überirdisches oder Göttliches enthielten. Dann hielt ich überrascht inne. Die Sätze strahlen auch zweitausend Jahre danach noch vor unglaublicher Kraft, vor zeitloser Richtigkeit und vor vollendeter sprachlicher Schönheit. Dies sind sie:


  • Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?

  • Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.

  • Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

  • Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!

  • Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

  • Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

  • Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande und im eigenen Hause.

  • Was zum Munde eingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was zum Munde ausgeht, das macht den Menschen unrein.

  • Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

  • "Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! und "du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

  • Wahrlich, ich sage euch: ein Reicher wird schwer ins Himmelsreich kommen.

  • Und Jesus ging hinweg von dem Tempel, und seine Jünger traten zu ihm, dass sie ihm zeigten des Tempels Gebäude. Er aber sprach zu Ihnen: Sehet ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.

  • Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

  • Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.




Amen.



Dienstag, 15. März 2016

Sag' mir deinen Namen ...


Sherif Ali: "What's your name, English?"
 Lawrence: "My name is for my friends."
(Lawrence von Arabien)

Schweine im Weltall. Der Bezug zum Thema erschließt sich allenfalls am Ende des Textes.


Kürzlich las ich von einer verblüffenden Studie.

Irgendeinem Forscher war aufgefallen, dass der Name einer Person manchmal mit dem zu tun hatte, was sie beruflich macht. So hieß eine Meteorologin Freeze (engl. "einfrieren") ein Lehrstuhlinhaber für Anästhesiologie Tranquili, eine Journalistin Lies, ein Erzbischof Kardinal Sin (engl. für "Sünde").

Das Phänomen firmiert im Internet unter dem Schlagwort "nominativer Determinismus", was so viel bedeutet wie "Vorbestimmung durch den Namen". Personen mögen anscheinend die Buchstaben ihres eigenen Namens mehr als andere Buchstaben. Dieser "Name Letter Effect" gilt besonders stark für die Anfangsbuchstaben des eigenen Namens, bei Frauen speziell des Vornamens, da diese ja ihren Nachnamen des Öfteren durch Heirat ändern. Gleiches gilt anscheinend auch für die Zahlen unseres Geburtstags.

Sogar das Wahlverhalten wird laut einer Studie von diesem Effekt beeinflusst. Wer bei der Wahl des US-Präsidenten im Jahr 2000 einen Namen hatte, der mit B begann, der wählte eher George W. Bush. Menschen, deren Name mit G begann, tendierten hingegen zu Al Gore.

Das wirft bei mir die Frage auf, ob dies auch eine mögliche Erklärung dafür sein könnte, warum deutsche Bundeskanzler gerne schon mal Allerweltsnamen tragen wie Schröder oder Schmidt. Zwar werden die deutschen Kanzler ja indirekt gewählt, aber auf Wahlplakaten steht neben dem Parteinamen doch besonders der Kandidatenname im Fokus der Aufmerksamkeit.

Für die USA existieren auch Studien, die die Verbindung von Name und Wohnort untersucht haben. Und auch hier wurde man fündig:

"Wer Mildred heißt, wohnt eher in Milwaukee, Virginias hingegen wohnen eher in Virginia Beach [...] Und bei den Männern war es genau so: Jack wohnte eher in Jacksonville, Philip eher in Philadelphia." (Manfred Spitzer, Vom Sinn des Lebens. Wege statt Werke, S. 74-80). Ergebnis der Studie: Virginia und Georgia leben mit einer gegenüber dem Zufall um 36 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit in Bundesstaaten, die so heißen wie sie. Ein August wohnt mit einer 55 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit in einer Stadt namens St. Augustin. Das ist beeindruckend.

Und hier stutze ich. Ich heiße Reinhard Schinka und wohne in Remscheid - Autokennzeichen: RS! Bin ich nur deswegen nach Remscheid gezogen, weil ich die Buchstaben so mochte, weil sie meine Initialien darstellen? In der Tat hatte ich mich schon gefreut, mit RS auf dem Autokennzeichen quasi mein "eigenes" Kennzeichen zu bekommen, mir die Idee aber wegen der Gebühren von einer Mitarbeiterin der Meldestelle dann in letzter Minute wieder ausreden lassen ("Gehen Sie lieber essen von dem Geld!"). So habe ich immer noch mein altes GL-Kennzeichen (innerhalb der dortigen Kreisstadt Bergisch Gladbach gern als "Gottes Lieblinge" interpretiert, außerhalb meist als "die Gottlosen").


RS - Reinhard Schinka - oder doch Remscheid?


Geboren wurde ich übrigens in Rheinberg. Reinhard aus Rheinberg. Hm. Mein letzter Kreis, in dem ich gelebt habe, heißt hier abgekürzt "Rhein-Berg". Zufall? Ich habe 19 Jahre in Berlin gelebt. Dorthin verschlug es mich nur, weil ich überraschend in der Nähe keinen Studienplatz bekommen hatte. Ursprünglich hatte ich "am Rhein" studieren wollen.
Zog es mich deswegen 2006 unbedingt zurück in den Kreis "Rhein-Berg"? War das am Ende kein Zufall?

Für die Berufswahl von Menschen gilt, wie eingangs gesagt, Ähnliches: US-Bürger wie Dennis oder Denise werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Zahnarzt (Dentist), Lauras, Lawrences und Larrys hingegen Anwälte (Lawyer).

Nun dachte ich: Hey, Moment mal, ich heiße Schinka, bin aber weder Schlachter noch Schinkenverkäufer geworden, sondern Lehrer! Aber ich arbeite - in der "Schule"! Doch vielleicht ist das ja nur ein Verlegenheitsjob. Nebenbei hatte ich in den 80ern auch mal Comics gemalt. Die Hauptfiguren darin waren Weltraum-Schweine. Schweine! Da bekommt der Name Schinka doch gleich wieder mehr Bezug. Noch heute findet man ein paar Reste davon im Netz. Adresse: www.Schinkman.de


Samstag, 27. Februar 2016

Die unsterbliche Seele und das Lächeln deiner Mutter

"Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiß."
(Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

Woraus besteht die Seele des Menschen? Gibt es sie überhaupt? Die Neurobiologie hat schon länger die Antwort. Allerdings ist dies bei den meisten Menschen noch nicht angekommen.

In meiner Lieblingsfolge der amerikanischen Fernsehserie "Raumschiff Enterprise" wird Captain Kirk Opfer eines Beam-Unfalls. Nach Kontakt mit einem gelben Metall wird der Captain vom Transporterstrahl in zwei Hälften gespalten: in eine gute und eine böse. Während der "gute" Kirk nett und warmherzig durchs Schiff wandert, fordert der "böse" vom Bordarzt rabiat eine Flasche Brandy, kippt sich diese zügig hinter die Binde und fällt umgehend über ein blondes weibliches Besatzungsmitglied her.

Einige Ereignisse weiter stellt sich heraus, dass beiden Exemplaren wesentliche Eigenschaften des jeweils anderen fehlen. So hat der "gute" Kirk zwar keinerlei Angst, allerdings ist er unfähig, Entscheidungen zu treffen, da er es jedem recht machen möchte, womit wiederum der "böse" Kirk keinerlei Probleme hat und beispielsweise vollkommen empathiefrei entscheidet, mal eben ein paar Besatzungsmitglieder auf dem Planeten unter sich erfrieren zu lassen. Jedoch steckt dieser voller Angst vor der eigenen drohenden Vernichtung und bricht schlussendlich weinend in den Armen des "guten" Kirk zusammen.

Das Happy End: Beide Kirks werden einmal hinunter- und wieder heraufgebeamt und sind wieder EIN Kirk - EIN Mensch mit allen seinen "guten" und allen seinen "bösen" Eigenschaften. 
Fazit: Die Eigenschaften der Persönlichkeit Kirks sind wie bei allen Menschen eigentlich weder gut noch böse, erst deren Mischverhältnis und Grad der Aktivität und Ausprägung entscheiden, ob er "gut" oder "böse" handelt.



"Ich bin Captain Kirk!" - die böse Seite des in zwei Hälften gespaltenen Captains rastet aus.


Was den Machern des Films wohl in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts nicht bewusst war: Sie haben mit ihrer Aufteilung der menschlichen Psyche den jüngsten Erkenntnissen der Neurobiologie vorgegriffen. Heutzutage würde man es so formulieren: Beim "guten" Kirk sind Bereiche des Gehirns, die für Empathie und Mitgefühl zuständig sind, weiterhin aktiv, während sie es beim "bösen" Captain nicht sind, der zudem offenbar im Bereich des orbitofrontalen Cortex keine nennenswerte Aktivität mehr aufweist, denn dieser ist zuständig für die moralische Bewertung menschlichen Handelns (weiter unten mehr dazu). Dafür scheint der "böse" Kirk stark von seiner Amygdala (genauer: seinen Amygdalae - es gibt zwei davon), dem "Angstzentrum", gesteuert  zu werden, welche wiederum beim "guten" Kirk nicht aktiv ist.

Falls Sie jetzt stutzen und denken: Moment mal, meine unsterbliche Seele kann man doch nicht einfach mal eben so irgendwelchen Gehirnlappen zuordnen und diese ein- und ausschalten, so muss ich Sie enttäuschen: Doch, man kann! Und unsterblich ist Ihre Seele leider auch nicht. Dies schon mal vorweg.


Die so genannte Seele

"Ich habe so viele Leichen seziert und nie eine Seele gefunden."
(Rudolf Virchow)

Der Begriff "Seele" stammt aus dem Altgermanischen und hat die Grundbedeutung "die zum See Gehörende". Nach altgermanischer Vorstellung wohnten die Seelen der Ungeborenen und Toten im Wasser. Da der Begriff "Seele" im Alltag oft gebraucht wird, stellt sich das Problem, dass zwar viele etwas Ähnliches, letztlich aber alles etwas Anderes darunter verstehen.

Neurobiologen verstehen darunter eine Mischung aus:
  1. Stressverarbeitungs- und Selbstberuhigungssystem
  2. Bindungs- und Motivationsfähigkeit
  3. Lern- und Sozialisationsresultaten
  4. Impulshemmung und Risikowahrnehmung
Würde man den Zustand dieser vier Systeme bei einem Menschen genau kennen (was in der Regel nicht der Fall ist), könnte man sein Verhalten exakt vorhersagen. Und diese Systeme lassen sich in der Tat bestimmten Hirn-Arealen zuordnen, ihre Entwicklung beginnt zum Teil bereits vor unserer Geburt. Und das Lächeln unserer Mütter spielt dabei eine ganz zentrale Rolle.


1. Das Stressverarbeitungs- und Selbstberuhigungssystem

"Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt."
(Ralph W. Emerson)

"Es ist nichts zu fürchten als die Furcht."
(Ludwig Börne)


"Keine Experimente!" - Das Festhalten an Gewohntem wird vom Gehirn als Belohnung empfunden. Konrad Adenauer gewann die Wahl mit großer Mehrheit.

Von CDU - Diese Datei wurde Wikimedia Commons freundlicherweise von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen eines Kooperationsprojektes zur Verfügung gestellt. CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16173764


Die berüchtigte "German Angst"


Woher kommt die Angst? Gerade uns Deutschen sagt man nach, ein besonders ängstliches Volk zu sein. Der Durchschnittsdeutsche hat Angst vor Atomenergie, vor drohendem sozialen Absturz, vor "Überfremdung", vor Fluglärm, vor Dieben, Impfschäden, Lebensmittelgiften und Handy-Strahlen. Ich hatte einmal eine (übrigens sehr nette) Kollegin, die sogar den Firmen-Monitor ihres Computers im Büro auf gesundheitsgefährdende Strahlung hin untersuchen ließ. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sie nebenbei eine starke Raucherin war.

An erster Stelle rangiert bei uns Deutschen die Angst vor Veränderungen. Wir stecken voller Verlust-Aversionen. Dabei wurden die alten Germanen noch als äußerst mutige und furchtlose Gestalten beschrieben. Was ist passiert? Nun, hier werden schlicht Äpfel mit Birnen verglichen, denn Angst und Furcht sind zwei grundsätzlich verschiedene Dinge. Furcht empfindet man beim Anblick einer großen Giftspinne, und das ist auch sehr gut so. Wer sich vor großen Giftspinnen nicht fürchtet, möchte sie vielleicht auf den Arm nehmen und streicheln - und könnte überraschend Probleme bekommen, seine Gene an die nächste Generation weiterzuvererben. 
Angst hingegen kann man auch haben, ohne dass die Spinne im Raum ist. Das bloße Gefühl, man könnte ja schon in Kürze einer giftigen Spinne zum Opfer fallen, lässt manche Menschen vor Angst erstarren. Der Witz besteht darin, dass die meisten Menschen Angst haben, während die Dinge um sie herum eigentlich ganz in Ordnung sind. Angst vor Arbeitslosigkeit haben ausschließlich Menschen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen. Die Angst vor Ausländern, Migranten und Asylsuchenden ist besonders hoch in Regionen, in denen es kaum welche gibt.

Wie kommt das? Ein Festhalten an Gewohntem wird biochemisch als Belohnung wahrgenommen. Kann man sich in gewohnten Bahnen und Abläufen bewegen, empfindet der Körper eine Art "Grundglücklichkeit". Und jede Nachricht über bevorstehende Veränderungen wird als unangenehm empfunden. Das ist nicht nur bei Sachsen oder Deutschen so, dies ist bei allen Menschen gleich. 
Wie bedrohlich ich die Welt empfinde und wie sehr ich Bedrohungen und Misserfolge fürchte (besser: Angst vor ihnen habe), wie sehr ich Sicherheit suche - das wiederum ist bei vielen Menschen unterschiedlich entwickelt - und entscheidet sich bereits vor unserer Geburt.

Wenn der "Wutbürger" sich nicht abregen kann


Dauerängstliche oder -besorgte Menschen unterscheiden sich hierbei auf folgende Art und Weise: Bei ihnen herrscht im Körper im Vergleich zu weniger ängstlich-besorgten Zeitgenossen ein Mangel an Serotonin 1A und endogenen Opiaten, dafür aber ein erhöhter Spiegel an Serotonin 2A und den Stresshormonen Noradrenalin und Cortisol.
Serotonin ist ein Hormon, das sehr komplex wirkt. Vereinfacht gesagt, ist es ein "Beruhigungshormon", das dem Körper mitteilt: "Ist schon gut, reg dich wieder ab!" Beim ängstlich-aufgeregten neurotischen "Wutbürger" - laut Spiegel online "plump, ungebildet, ordnungsbesessen, nationalistisch, fremdenfeindlich, wutgetrieben, kompromisslos, strafend, zentralistisch"- funktioniert dieses Abregungssystem weniger gut, - und ein Mensch voller Ängste sitzt einem gegenüber, verzweifelt vor Gram im Angesicht all der drohenden Gefahren, die er in seiner Umwelt wahrzunehmen meint.

Das Stressverarbeitungssystem des Menschen funktioniert normalerweise etwa so: Eine kleine Stelle im Zwischenhirn, der so genannte Hypothalamus - gerade einmal so groß wie eine Fingerkuppe und nur 5 g schwer - schüttet zunächst ein Releasinghormon aus, das die noch kleinere Hypophyse (eine Drüse aus Nervenzellen) in der Nähe veranlasst, Adrenalin und Noradrenalin auszuschütten, zwei Hormone, die über den Blutkreislauf zur Nebenniere gelangen (eine Art Kappe, die auf den Nieren sitzt), wo die Ausschüttung des weiteren Stresshomons Cortisol veranlasst wird. Während Adrenalin und Noradrenalin eher für akute Stresssymptome wie z. B. einen beschleunigten Herzschlag zuständig sind, bewirkt eine dauerhaft hohe Dosis an Cortisol im Körper nicht nur Unruhe, sondern auch eine Dämpfung des Immunsystems - einer der Gründe, warum wir bei Dauerstress oder nach anstrengenden Wettkämpfen oft krank werden.

Aufregen, abregen


Zum Glück existiert im Körper eine negative Rückkopplung, das heißt, wenn viel Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin den Körper fluten, wird dies in im Hypothalamus-Hypophysen-System registriert und die Ausschüttung der Hormone in diesem Bereich wird wieder gedrosselt. Im Selbstberuhigungssystem wird mit Hilfe des "Beruhigungshormons" Serotonin über den Hirnstamm auf Hippocampus, Amygdala ("das Angstzentrum") und Großhirnrinde zurückgewirkt. Dieser Mechanismus funktioniert beim dauerängstlichen oder depressiven Menschen teilweise nicht. Folge sind eine erhöhte Bedrohungsempfindlichkeit und eine verminderte Frustrationstoleranz.

Dies erklärt nebenher auch, warum unter Stress die Rigidität des Verhaltens ansteigt. Die Aktivität des Cortex (der Bereich des Gehirns, wo bspw. Mathematik-Aufgaben gelöst werden sollen) wird gedämpft, die der Amygdala steigt - daher geraten Mathe-Arbeiten für Menschen, die sich vor Mathe-Arbeiten ängstigen, immer wieder zum Flop - und jeder Flop verstärkt die Angst vor der nächsten Mathe-Arbeit - ein Teufelskreis.

Und noch ein Problem: Die Amygdala vergisst nicht. Was einmal fehlkonditioniert wurde, ist praktisch unauslöschlich dort eingebrannt.

Aber warum haben Menschen wie die oben geschilderte Kollegin zwar Angst vor Computerstrahlen, aber nicht vor der Gefahr, an Lungenkrebs zu erkranken? Auch dies ist neurobiologisch erklärbar: In den Momenten, in denen bei einem Raucher der Wunsch nach der nächsten Zigarette entsteht, steigt die Hirnaktivität vor allem im präfrontalen Cortex, in der Amygdala und im Ventralen Tegmentalen Areal (VTA)  an. Zudem steigt der Serotonin-Spiegel ("Beruhigungshormon"), das wiederum den Spiegel des "Stresshormons" Cortisol senkt. Bereits der bloße Gedanke an eine Zigarette - macht Raucher glücklich.
Und das regelmäßige Rauchen wird als Gewohnheit zusätzlich als Belohnung empfunden, Phasen der Abstinenz jedoch als Bestrafung. Raucher kennen das. 

PS.: Eine Etage tiefer im Gehirn, im vegetativen Hirnstamm, der untersten limbischen Ebene des Gehirns, sitzt noch unser unmittelbares Überlebensprogramm, das uns am Leben erhält, mitsamt seinen angeborenen Reaktionen: Neben den vegetativen Zentren geht es hier um Hunger und Durst, um Sexualität, Organsteuerung, Kreislauf, Blutdruck, Atmung sowie um die Steuerung von Schlafen und Wachen, aber auch um Affekte wie Aggression oder Flucht - kurz gesagt: ums menschliche "Temperament". Dieser vollkommen unbewusst vor sich hin arbeitende Bereich ist durch Erfahrung oder Erziehung nicht beeinflussbar und soll hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden.
Kommt er zum Erliegen, sind wir tot. 

Traumatisierte Mutter, depressives Kind


Wie entsteht nun ein gestörtes Stressverarbeitungssystem und damit ein Mensch, der sich nicht mehr richtig selbst beruhigen kann?

Stressstoffe wie Cortisol können die Blut-Hirn-Schranke im Gehirn des Embryos passieren. So entstehen vorgeburtliche Beeinträchtigungen, etwa wenn die schwangere Mutter traumatisiert wurde. Das Gehirn der Mutter fungiert hier quasi als Matritze für die Andockstellen des Cortisols im Gehirn des sich entwickelnden Embryos. So wird bereits kurz nach der Entstehung des kindlichen Gehirns dort über die hormonellen Einflüsse der Mutter epigenetisch entschieden, ob das Kind später ein funktionierendes Stressverarbeitungs- und Selbstberuhigungssystem haben wird - oder ob nicht.

Eine traumatisierte, depressive Mutter hat also bereits vorgeburtlich einen möglicherweise verheerenden Einfluss auf die Ausbildung einiger späterer Persönlichkeitsmerkmale: auf das Maß an Offenheit/Verschlossenheit, auf Selbstvertrauen und Zuversichtsgefühl, auf die Ausprägung von Kreativität und Ordnungssinn, auf Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit des künftigen Erdenbürgers.


2. Das Bindungs- und Motivationssytem

"Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter."
(Helge Schneider)


Das Lächeln der Mutter des Autors (1968): Bindungsfähigkeit entsteht über frühkindlichen Blickkontakt. Diese frühkindliche Bindungserfahrung ist eigentlich die wichtigste Erfahrung in unserem Leben. Sie bestimmt entscheidend mit über unser späteres Selbstwertgefühl, unser Verantwortungsgefühl und unsere spätere Fähigkeit zur Empathie


Lächeln vollbringt viel Gutes


"Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann."
(Christian Morgenstern)

Man glaubt es nicht - aber für die seelische Entwicklung eines Menschen könnte nichts wichtiger sein als die Frage, ob er in seinen ersten Lebensjahren (besonders in den ersten drei) häufigen liebevollen Blickkontakt zu einer Bezugsperson hatte oder nicht.

Warum ist das so? Die basolaterale Amygdala, das ventrale tegmentale Areal (VTA), der Nucleus accumbens und die Basalganglien bilden die mittlere limbische Ebene der "Seele". Eine frühkindliche "Bindungserfahrung" bestimmt hier über die Entwicklung von Teilen des "Unbewussten Selbst" - beispielsweise die unbewusste Ebene der Wahrnehmung emotionaler kommunikativer Signale wie Mimik, Gestik, Körperhaltung oder von Pheromonen (Duftstoffen). Die Neurobiologen bezeichnen die Verarbeitungsfähigkeit dieser Dinge als menschliches "Bindungs- und Motivationssystem".
Eine Aktivierung des Motivationssystems kann durch Blickkontakt mit einem freundlich blickenden Menschen bewirkt werden (im VTA). Ein freundlicher Blickkontakt bewirkt zudem die Ausschüttung der Botenstoffe Dopamin ("Euphoriehormon") und Oxytocin ("Kuschelhormon") - das Lächeln einer geliebten Person macht Menschen glücklich!

In Versuchen verlängerte Oxytocin die Zeit, die Menschen damit verbrachten, anderen Menschen in die Augen zu blicken, und verbesserte ihre Fähigkeit, Emotionen im Gesichtsausdruck ihres Gegenübers abzulesen.
Durch Oxytocin können sogar in den Basalganglien neue Zellen gebildet werden. Eigentlich wachsen Nervenzellen einmal zu einer ausdifferenzierten Zelle heran - und das war es dann. Nicht so die Basalganglien! Diese sind für das instrumentelle Lernen wichtig. Hier werden unsere Gewohnheiten und Fertigkeiten des Fühlens, Denkens und Handelns tief verankert.

Die erste und zweite Ebene des limbischen Systems zusammen machen den Kern der Persönlichkeit eines Menschen aus. Er entwickelt sich in den ersten Lebensjahren - und bleibt dann weitgehend stabil.

Hieraus folgt: Eine Psychotherapie von Menschen, die hier in ihrer Kindheit zweifach vorgeschädigt sind, ist eigentlich schon ziemlich zwecklos. Kommt noch im dritten Bereich, der Sozialisationsphase, eine gravierende Störung hinzu, war es das mit dem Glück der Person. Spätestens ab dem 14. Lebensjahr ist die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen zu 80 Prozent abgeschlossen. Daran ändert auch die Pubertät nichts mehr, hier kommt es lediglich zu Gefühlsschwankungen, die durch die Flutung des Körpers mit Sexualhormonen entstehen.

Depressive Patienten, die angeben, dass eine Therapie bei ihnen erfolgreich angeschlagen habe, unterliegen einer Täuschung. Sie verwechseln eine erfolgreich zustande gekommene "therapeutische Allianz" und die sie begleitende Oxytocin-Ausschüttung mit einer Veränderung ihres seelischen Gesamtzustandes. Aber weder am Stressverarbeitungssytem noch am Bindungs-, Selbstberuhigungs- oder Motivationssystem kann eine Psychotherapie noch irgendetwas dauerhaft drehen. Auch die Zuwendung des besten Therapeuten ersetzt niemals das Lächeln deiner Mutter, - als du noch ein kleines Kind warst.


3. Vernunft und Sozialisation

"Einsamkeit, verbunden mit einem klaren, heiteren Bewusstsein ist, 
ich behaupte es, die einzig wahre Schule für einen Geist von edlen Anlagen."
(Gottfried Keller)

"Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin."
(Giacomo Casanova)

Ob Sie dieses Essen lecker finden oder nicht, ist Resultat Ihrer Erfahrung und Sozialisation.
Falls Sie das nicht glauben wollen, stellen Sie sich einfach vor, das Bild zeige statt leckerem Wildschweingulasch Hundefutter, Tiger-Hoden oder Menschenfleisch.

Insekten? Lecker!


Ich bin voller Bewunderung für eine Jugendfreundin meiner Frau. Diese verspeist regelmäßig Insekten. Wie bitte? Sie haben richtig gehört. Im Rahmen ihres Studiums der Ökotrophologie hatte Pascale sich auf dieses Fachgebiet spezialisiert, einige Studien hierzu gelesen, Proben beschafft - und kurzerhand beschlossen, den Verzehr von Insekten - gesund, eiweißreich und immer verfügbar - einfach einmal selbst auszuprobieren. Ihr Freund Hans schloss sich an, und so finden sich in ihrer Küche neben Kochbüchern zur Zubereitung von Maden und Larven auch diverse Krabbeltierchen in getrockneter oder eingelegter Form. Was aber Pascale und ihrem Freund anscheinend recht einfach gelang, wäre mir und vielen anderen Menschen niemals möglich gewesen - die Überwindung sozialisationsbedingter Ekelgefühle durch Vernunft und Einsicht.

Dabei müssen es nicht einmal Insekten sein. Ihnen schmecken weder Matjes-Heringe noch Tilsiter Käse? Diese Lebensmittel sind äußerst gesund, also probieren Sie sie doch einfach mal! Ich habe das im Selbstversuch vor etwa einem Jahr getestet. Ich bekam genau einen Matjes-Hering herunter, dann war mir speiübel und ich brach das Experiment frustriert ab. Der zweite Matjes-Hering landete trotz seiner Omega-3-Fettsäuren und Fülle an Vitamin-D schweren Herzens in der Mülltonne. Für Hirnforscher ist dies nicht weiter überraschend. Das Gefühl siegt (fast) immer über den Verstand! Ohne Emotionen können Sie "vernünftiges" Handeln komplett vergessen! Oder, in Neurobiologen-Sprache ausgedrückt: Die Amygdala siegt immer über den Cortex, die Angst über den Verstand.

Dort - genauer: im dorsolateralen präfrontalen Cortex (in der oberen, vorderen Großhirnrinde) - schlummert sie nämlich: Ihre Fähigkeit zur Einsicht oder auch "Vernunft". Hier analysieren Sie mit Hilfe Ihrer Intelligenz die Lage, hier wird gerechnet und logisch argumentiert. 
Der Cortex (speziell der prä-, orbitofrontale, cinguläre und insuläre Cortex) bildet die obere limbische Ebene Ihrer Seele. Hier findet es statt: bewusstes, kognitives Lernen! Der dorsolaterale Cortex hat aber keine Verbindung zu den verhaltenssteuernden Zentren im Gehirn. Daher bringt es überhaupt nichts, an die Einsicht eines Menschen zu appellieren ("Sieh doch ein, dass Mathematik ein wichtiges Fach deiner Ausbildung ist und lerne jetzt mit Begeisterung diese Formeln!").

Was erlernbar ist


Welchen Teil Ihrer "Seele" können diese Hirnbereiche noch beeinflussen? Es sind vor allem das spätere Streben nach Gewinnen und Erfolgen, nach Anerkennung, nach Ruhm, Freundschaft, Liebe, sozialer Nähe, Moral und Ethik, die von den sozial-emotionalen Erfahrungen der späteren Kindheit und Jugend beeinflusst werden, aber auch - wir denken an den "bösen" Captain Kirk - Ihr mögliches Machtstreben und Dominanzverhalten sowie die Intensität Ihrer Zielverfolgung, Ihre Kommunikationsbereitschaft und letztlich auch Ihre Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und mit ihnen mitzufühlen. Letztere muss durch Sozialisation bewusst erlernt werden!

Die relevanten Bereiche Ihrer Persönlichkeit lassen sich laut Neurobiologen hier lokalisieren:
  • Individuell-soziales Ich: Rechter assoziativer Neocortex: Orbitofrontaler Cortex, ventromedialer präfrontaler Cortex, anteriorer cingulärer Cortex, insulärer Cortex
  • Kognitiv-kommunikatives Ich: Linker assoziativer Neocortex: Broca-Wernicke

Aber das können und werden Sie gleich wieder vergessen haben. Zum Bereich, in welchem die "Moral" sitzt, kommt aber weiter unten noch etwas Spannendes.

Kann man das alles noch steuern und verändern? Die Antwort lautet: Ja, im Prinzip schon - nämlich durch Belohnung und Bestrafung. Das Problem ist nur: Strafen wirken nicht, allenfalls einmal kurzfristig, sondern lassen den Bedrohten meist schnell abstumpfen und erzeugen nur den Wunsch nach Rache, Belohnungen wirken allerdings überwiegend auch nicht, da sie ebenfalls einer schnellen "Sättigung" unterliegen. Jeder, der sich ein neues Smartphone angeschafft hat, kennt das. Eben noch fühlte man den Kick, nach kurzer Zeit jedoch schon ist das neue Handy Teil der grauen Normalität geworden und man blickt eher unzufrieden darauf. Auch Bonus-Zahlungen am Jahresende sind sinnlos, da sie in einem zu weiten Abstand des Handelns angesiedelt sind und nicht mehr als Belohnung emotional wirken können. Eine Senkung der Zahlung, sogar eine Beibehaltung in gleicher Höhe hingegen kann durchaus als Bestrafung empfunden werden und ist somit vollkommen kontraproduktiv. Ein Festhalten an Gewohntem wird ja als Belohnung empfunden. Daher sind Menschen eben so veränderungsresistent und stehen Neuem oft so feindselig gegenüber, mag es nun ein neuer Arbeitsablauf oder die Ankunft vieler Flüchtlinge aus einem fremden Kulturkreis sein.

Die einzige Belohnung, die nicht der Sättigung unterliegt, ist die „intrinsische Belohnung“. Die besteht laut dem Neurobiologen Gerhard Roth in:

- der Freude am Gelingen
- der Selbstbestätigung
- dem Gefühl der Verwirklichung eigener Fähigkeiten und Wünsche
- dem Nachweis, besser zu sein als andere
- der Überzeugung, an einer wichtigen Sache mitzuwirken

(Quelle: https://youtu.be/3tJwoxYh2FU)

Dies sollte eigentlich über jeder Schultür stehen. Auf das Schreiben dieses Blog-Artikels trifft jedenfalls zu, was Roth postuliert: Ich habe das Gefühl, etwas Interessantes zu schreiben (sagen Sie jetzt nichts!), habe Freude am Gelingen, bin der Ansicht, dass viele dies nicht so schön formulieren können wie ich (sagen Sie bitte weiterhin nichts!) und bin der Überzeugung, dass es wichtig ist, dass Menschen diese Zusammenhänge begreifen. Und schon macht das Schreiben dieses Artikels Spaß! Ich mache das ganz freiwillig! In meiner Freizeit!
Aber geben Sie das einmal einem Schüler oder Studenten als Hausaufgabe auf! Er wird sich plagen, alles auf den letzten Drücker aufschieben - und alle Inhalte nach spätestens sechs Wochen wieder vergessen haben.


4. Moral = Impulshemmungssytem + Risikowahrnehmung

"Wer nichts wagt, der darf nichts hoffen."
(Friedrich Schiller)



Phineas P. Gage (1823 - 1860) mit der Eisenstange, die seinen Schädel durchschlug.
Quelle: Author of underlying work unknown. File:PhineasPGage.jpg, Gemeinfrei, $3


Wenn einem eine zwei Meter lange Eisenstange ein Stück Gehirn raushaut


Die so genannte "Moral" steckt im orbitofrontalen Cortex - dem Bereich des Gehirns direkt in der Mitte oberhalb der Augenhöhlen. Das wissen wir dank Phineas P. Gage. 1848 hatte der Eisenbahnvorarbeiter einen gruseligen Unfall. Bei einer Explosion durchschlug eine zwei Meter lange Eisenstange seinen Schädel - sie trat im Bereich der Wange unterhalb des Jochbeins in den Schädel ein, zertrümmerte sein linkes Auge und trat in der vorderen Mitte seines Hirnschädels wieder aus. Dabei nahm sie einen Teil seines orbitofrontalen Cortex' für immer mit sich. Aus dem freundlichen und verantwortungsbewussten jungen Mann wurde fortan ein fluchender und rücksichtsloser Zeitgenosse. Seit Phineas P. Gage und seiner tragischen Hirnverletzung wissen wir, für welche Aufgaben dieser Teil des Gehirns zuständig ist:
  • Erkennen emotionaler Ausdrücke und Sinngehalte im Verhalten anderer 
  • Impulskontrolle (durch Hemmung anderer limbischer Zentren, insbesondere der Amygdala und des Hypothalamus)
  • Lernen und Steuerung sozial angemessenen Verhaltens
  • Risikoabschätzung von Konsequenzen bspw. unangemessenen Verhaltens


Was guckst du!?!


Psychopathen haben oft Schwierigkeiten, mimische Signale richtig zu deuten. Beispielweise können sie einen ängstlichen Gesichtsausdruck durchaus fälschlich als aggressiv interpretieren. Verletzungen im Bereich der orbitofrontalen Cortex, z. B. durch einen Schlaganfall, können sogar aus einer Mutter Theresa über Nacht ein rücksichtsloses Monster machen.

Kurz: Dieser Bereich des Gehirns sagt uns, ob unser Handeln sozial verträglich ist oder nicht, und er entscheidet mit Hilfe der Hormone Dopamin, Serotonin 2A und Noradrenalin darüber, wie sehr man von unmittelbar auftauchenden Motiven (einem leckeren Getränk, Essen oder einem plötzlich auftauchenden attraktiven Gegenüber) zu einer Handlung getrieben wird. Die Impulsbeherrschung und Selbstkontrolle werden von den Stoffen Glutamat und GABA (Gammaaminobuttersäure) beeinflusst, für die Steuerung des Risikoverhaltens sind vor allem Dopamin und endogene Opiate verantwortlich.
Bei schweren Alkoholikern ist der Glutamat-Stoffwechsel gestört, daher fallen diese oft als ungehemmt und unbeherrscht auf.

Der "böse" Captain Kirk im anfangs geschilderten Beispiel leidet unter dem Problem, dass er weder erkennen kann, welche Gefühle seine Gegenüber gerade bewegen, noch abschätzen kann, welches Risiko seine Entscheidungen mit sich bringen. Eine Impulskontrolle fehlt ihm, daher besorgt er sich spontan Brandy, weil er gerade Lust darauf hat, daher fällt er über Yeoman Janice Rand her, weil es ihn gerade nach sexueller Betätigung gelüstet (und Alkohol die Risikowahrnehmung noch weiter herabsetzt), daher versteht er nicht, dass sein ganzes Verhalten sozial unangemessen ist. Sein Angstzentrum wiederum wird vom orbitofrontalen Cortex auch nicht gehemmt, daher bricht er schnell zusammen, als man es schafft, ihm einmal richtig Angst zu machen. Dem "guten" Captain Kirk gelingt dies dadurch, dass er ihm - frei von jeder Angst, obwohl sein Gegenüber ihn mit einem Phaser bedroht - einfach das Folgende sagt: "Wenn du MICH tötest, - dann sterben WIR BEIDE!"


Ich denke, also bin ich

"Das Unbewusste ist viel moralischer, als das Bewusste wahrhaben will."
(Sigmund Freud)

"Ich denke, also bin ich."
(René Descartes)


By Anonymous - Camille Flammarion, L'Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888), pp. 163, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=318054

Den Zipfel des Universums für eine Sekunde zu fassen kriegen


Vielleicht kennen auch Sie diese Momente. Man sitzt irgendwo ohne größere Ablenkung herum und denkt plötzlich: Wieso sehe ich die Umwelt gerade so, wie ich sie sehe? Warum bin ich ich - und in MIR drin und nicht in jemand anderem? Für einen Augenblick bleibt dann die Welt stehen und man hat ein ähnliches Gefühl wie bei einem Déjà-vu. Es ist, als habe man einen Zipfel des Universums zu fassen gekriegt, und den Vorhang ein wenig angehoben. Aber der Moment ist flüchtig, und schon kurz darauf geht man wieder seinen alltäglichen Beschäftigungen nach und vergisst das Ganze. Es íst, als habe ein Schöpfer einem eine innere Sperre gesetzt, damit man dem Geheimnis seines Bewusstseins nicht auf die Spur kommt.

Wie viele Menschen vor uns mögen diesen Moment der Selbsterkenntnis schon gehabt haben? Und alle sind sie gestorben, und von ihrem Gehirn blieb nichts weiter übrig als die Materie und die Energie, die sich im Universum neu verteilt hat. Erinnern Sie sich an die Zeit vor Ihrer Geburt? Nein? Das können Sie auch gar nicht. Und doch waren da bereits die Materie und die Energie da, aus denen sich nach Ihrer Zeugung Ihr Körper und Ihr Geist zusammengesetzt haben. Und so wird es auch nach Ihrem Tod sein - Sie werden vergehen, aber das, woraus Sie jetzt gerade bestehen, - das wird sich neu zusammensetzen. Vielleicht setzen Sie sich als Stein zusammen, vielleicht aber auch als hübscher Schmetterling oder als majestätischer Steinadler.

Oder gar als Raumschiff-Captain.

Wer weiß das schon?



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Weblinks

Gerhard Roth: Wie das Gehirn die Seele formt
https://www.dasgehirn.info/entdecken/grosse-fragen-1/wie-das-gehirn-die-seele-formt-6091/

Limbisches System
https://de.wikipedia.org/wiki/Limbisches_System

Oxytozin - mehr als nur ein Kuschelhormon
http://www.spektrum.de/news/oxytozin-mehr-als-nur-ein-kuschelhormon/1357235



Sonntag, 14. Februar 2016

30 Jahre Führerschein

"Eines der besten Mittel gegen das Altwerden ist das Dösen am Steuer eines fahrenden Autos."
(Juan Manuel Fangio)

Heute vor 30 Jahren bestand ich endlich meine Führerscheinprüfung. Am Valentinstag 1987 entstieg ich überglücklich dem Fahrschulauto, denn dies war bereits mein zweiter Anlauf gewesen. Beim ersten Versuch hatte ich beim Linksabbiegen einer von rechts kommenden Frau galant die Vorfahrt gewährt, was der Prüfer, ein Herr Rübenhagen, allerdings als fehlende Kenntnis von Vorfahrtsregeln deutete und daraufhin die Prüfung abbrach. Auch schien ihm meine sture "Tempo-49"-Fahrweise auf die Nerven gegangen zu sein, über die er einen abfälligen Kommentar machte.

Zwei Wochen später hatte ich die erneute Chance, den begehrten "Lappen" zu erhalten - beim gleichen Prüfer. Ich hatte ein ziemlich mieses Gefühl und ließ allen anderen an diesem Tag erst einmal den Vortritt. Alle (!) fielen durch. Dann kam ich dran.

Ich fuhr zügig, was dem Prüfer zu gefallen schien, schaffte es sogar, bei Schnee und Eis den Wagen rückwärts einzuparken, und würgte den Motor nur einmal ab, weil mein Knie vor Aufregung zitterte. Diesmal gewährte ich niemandem unnötig die Vorfahrt, einem Golf nahm ich sie sogar beinahe - beide Augenbrauen des Fahrlehrers rauschten in die Höhe. Herrn Rübenhagen hingegen schien meine neue, offensivere Fahrweise zu gefallen. Vom Rücksitz ertönte es jedenfalls wohlwollend: "Endlich zeigen Sie mal, was Sie können!"

Damals gab es noch keine Probezeit, und als ich den begehrten Schein endlich in der Hand hielt, wusste ich: Damit konnte ich jetzt (sofern ich keinen wirklich großen Mist bauen würde) bis ans Lebensende Auto fahren.

Auch meine gleichaltrigen Freunde aus Wermelskirchen und Rheinberg bestanden damals ihre Führerscheinprüfungen. Hier einige Fotos solcher Jugendfreunde:


Mein Jugendfreund Michael starb 1986 bei einem Motorradunfall.

Kindergartenfreund Volker starb zur gleichen Zeit als Beifahrer eines Autos.

Grundschulfreund Thomas starb 1986 am Steuer seines Autos und nahm seine Freundin mit ins Grab.

Warum zeige ich hier Fotos von Gräbern? Weil genauso gut ICH da liegen könnte. Während meiner 30-jährigen Fahrpraxis bin ich immer wieder einmal in gefährliche Situationen geraten. Die gefährlichsten jedoch erlebte ich im ersten Jahr nach der Führerscheinprüfung. Und ich habe sie allesamt selbst verursacht.

Niemand fährt schlimmer als 18-jährige Männer. Zu meinem besten Freund fuhr - bzw. flog - ich regelmäßig über eine Kurvenstrecke, die ich in- und auswendig zu kennen meinte, beinahe auf zwei Rädern, so schwungvoll legte ich mich in die Kurven. Die Strecke wird hier aufgrund des im Herbst dort liegenden Laubes auch "die grüne Hölle" genannt. Man rutscht leicht weg. Einmal brach mein VW Polo in einer Rechtskurve plötzlich nach links aus, so dass ich auf die Gegenspur herüberrutschte, ausgerechnet in dem Augenblick, als mir ein Müllwagen der Stadtreinigung entgegen kam. Nur um Haaresbreite entging ich einem tödlichen Crash.

Unweit dieser Stelle meinte ich einmal einen etwas langsameren Verkehrsteilnehmer überholen zu müssen, was sich dann aber unerwartet in die Länge zog, bis mir in einer Kurve plötzlich ein Wagen entgegen kam. Eine Vollbremsung und blitzschnelles Wiedereinscheren retteten mir und meinem Gegenüber gerade noch so das Leben.

Natürlich kann man auch schuldlos sterben, ich erinnere mich an mir entgegen hüpfende Radkappen auf der Autobahn, auf Abfahrten frontal entgegenkommende Geisterfahrer-LKWs, an unmittelbar vor mir mit der Mittelleitplanke kollidierende Rentner-Autos und während der Fahrt einschlafende Mitfahrzentralen-Fahrer.

Was man in 30 Jahren am oder neben dem Steuer eines Autos halt so erlebt.

Jedes Jahr gibt es in Nordrhein-Westfalen über 500 Unfalltote (Quelle: Polizei). Das bedeutet, dass jede Woche in diesem Bundesland 10 Menschen auf den Straßen sterben. Hinzu kommen über 12.000 Schwerverletzte bei über 75.000 Verunglückten insgesamt. Wohlgemerkt, allein in diesem Bundesland.

Ich fahre heute seit 30 Jahren Auto - und zwar unfallfrei. Ich hatte Glück. Anders als Michael, Volker und Thomas. Ich bin mir dessen bewusst, jeden Tag aufs Neue.




Der begehrte "Lappen".
Ähnlichkeiten mit der Person auf dem Foto sind allenfalls zufälliger Natur.



Mittwoch, 27. Januar 2016

Holocaust

"Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt."
(Mahatma Gandhi)

"Die Geschichte ist der beste Lehrer mit den unaufmerksamsten Schülern."
(Indira Gandhi)

Heute ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Was einst einmal freudig als "Kaisers Geburtstag" gefeiert wurde, dient nun dem Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945. Doch Deutschlands zentrale Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas ist längst zur kosmopolitischen Fun-Location einer spaßorientierten und geschichtsvergessenen Welt-Jugend mutiert.

Über Silvester war ich wieder einmal in meiner zweiten Heimat Berlin. Während meine Tochter in einem Kino am Potsdamer Platz einen Film schaute, spazierte ich hinüber zum Brandenburger Tor, vorbei an zwei bemerkenswerten Orten deutscher Geschichte.

Da ist zunächst einmal der Ort, an dem sich am 30. April 1945 Adolf Hitler erschoss. Eine Informationstafel am Ende der Straße "In den Ministergärten" informiert darüber, wie sich der entrückte "Führer" des Dritten Reichs in seinem Bunker acht Meter unter der Erde final aus dem Verkehr zog und von seinen Schergen auf der anderen Bordsteinseite des heute dort befindlichen Parkplatzes mit Benzin übergießen und verbrennen ließ, um nicht von den siegreichen Russen "in einem Panoptikum ausgestellt zu werden".

Wir schrieben an anderer Stelle darüber, wo Hitlers sterbliche Überreste dann noch so endeten.

An der Gedenktafel kam ich mit einer Gruppe junger Italienerinnen und Italiener ins Gespräch, die offenbar gehofft hatten, hier noch ein paar originale Nazi-Bauten vorzufinden und enttäuscht auf die DDR-Plattenbauten der späten 80er-Jahre starrten. Ich verwies sie zum Flughafen Tempelhof und zum heutigen Finanzministerium, und sie zogen zufrieden weiter.

Während ich noch über das für mich leicht befremdliche Architektur-Interesse dieser jungen Leute nachsann, durchquerte ich das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas - einen riesigen Haufen grauer monolithischer Steinblöcke.


Junge Leute auf dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas.

Während man durch die Stelenreihen schreitet, zumal im Dunklen, bekommt man ein eigenartiges Gefühl. An den Seiten der Steinquader rinnt kondensiertes Wasser herab, und man meint, dass diese Stelen tatsächlich weinten, voller Trauer für das, was sie hier symbolisieren sollen: den schlimmsten Völkermord der Menschheitsgeschichte.

Nachdem man seit 1933 im Deutschen Reich die jüdischen Mitbürger systematisch entrechtet und ausgegrenzt hatte, wurden sie nach und nach ihrer letzten verbliebenen Menschenwürde beraubt, drangsaliert, misshandelt, verschleppt, gefoltert und am Ende fabrikmäßig ermordet. Auch vor Babys und Kleinkindern machte die Mordmaschine der Deutschen und ihrer Gehilfen nicht halt, vor Frauen und Greisen natürlich auch nicht. Ihr Eigentum wurde beschlagnahmt, herausgebrochene Goldzähne wurden eingeschmolzen, geschorenes Frauenhaar wurde in Kriegsgütern als Dämm-Material "recycelt". Das Grau der heutigen Stelen erinnert uns an die Asche der ermordeten Juden.

"Wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng", schrieb einst der Dichter Paul Celan über den Massenmord aus Sicht der Opfer. Und weiter:

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau."

All dies geht mir so durch dem Kopf, während ich das Mahnmal abschreite.

Aber nicht jedem geht es hier so wie mir. Um mich herum rennen lachende junge Menschen hintereinander her, hüpfen vollbärtige 25-jährige Hipster musikhörend von einer Stele zur nächsten, machen Pärchen lachend "Gefällt-mir"-heischende Selfies von sich, - und hier und da klingt das Platzhirschgebrüll junger pubertierender Schüler herüber, die sich irgendetwas Vulgäres zukrakeelen.

Ich muss an eine Szene denken, die sich während meines Studiums in Berlin den 90ern zugetragen hatte.

Damals jobbte ich einmal an Wochenenden als Wachmann und verbrachte eine Mittagspause aus Interesse in der NS-Gedenkstätte Plötzensee. Dort kann man die Hinrichtungskammern der deutschen Rebellen gegen Adolf Hitler besichtigen, die dort vor einer Kamera an Fleischerhaken langsam an Metallschnüren aufgehängt wurden und so qualvoll erstickten. Hitler soll sich das Ganze später als Film angesehen haben.
Auch dort traf ich auf eine Gruppe kichernder und herumalbernder Jugendlicher, die offenbar von einer wohlmeinenden Geschichtslehrkraft gegen ihren Willen dorthin verschleppt worden waren. Meine Körpergröße von fast zwei Metern und die blaue Wachmann-Uniform brachten sie kurzzeitig zum Schweigen, im Nebenraum ging das Gekicher dann fröhlich weiter.

Was ist denn so schwer daran, den Ernst der historischen Geschehnisse zu begreifen? Hat all dies keinen Bezug mehr zum aktuellen Dasein? Ist es einfach zu lange her, dass es noch dramatisch wirkt?

Muss es das?

Ich verließ das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor und sah noch einmal zurück. Dort standen sie auf den Stelen: junge Menschen, die das Europa von morgen sein werden. Der lachende Pole mit iPhone, die blonde Schwedin mit rotem Schal. Irgendwo hinter ihnen hatte sich einst Hilter erschossen. Und irgendwo aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit klingt es noch immer zu mir herauf:

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith.

Dienstag, 9. Juni 2015

Alt und Jung

"Die jungen Menschen von heute sollten gelegentlich daran denken, dass sie die alten Herrschaften von morgen sein werden." (Evelyn Waugh)


Kaum haben wir darüber nachgedacht, wie kurz das Leben ist und wie wichtig uns daher bedeutsame Augenblicke erscheinen, als wir auf diversen Musik-Konzerten daran erinnert wurden, dass unsere Gesellschaft Menschen in Jung und Alt unterteilt. Dabei handelt es sich eigentlich gar nicht um verschiedene Gruppen.

Der Jungbrunnen, 1546 gemalt von Lucas Cranach dem Älteren (seit 1553 tot)


Jung trifft Alt

"Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazugehört."
(Salvador Dali)

1987 zog ich als fast 20-jähriger Student nach Berlin (West). Um der anfänglichen Einsamkeit zu entrinnen, stürzte ich mich ins wilde Leben. Des Öfteren sah man mich mit 80er-Walkman (der mit den Cassetten, wohlgemerkt) den Kurfürstendamm entlang schlendern, und ein, zweimal kehrte ich sogar in eine dortige Diskothek namens "Big Eden" ein, die einem alternden Playboy namens Rolf Eden gehörte, der mit Beziehungen zu blutjungen Damen rumprotzte (in Edens Testament soll es eine Verfügung geben, wonach eine Frau 300.000 Euro aus seinem Vermögen erbt, sofern er beim Geschlechtsverkehr mit ihr stirbt).
Ich guckte dort, während die Stimme von Rick Astley "Never gonna give you up" trällerte, ein paar Fußballspiele auf einem großen Fernseher in einer Ecke. Um mich herum tanzten gleichaltrige junge Menschen und auch der eine oder andere alte Sack auf der Suche nach einem jungen Hüpfer. Mir waren diese alten Männer suspekt und ich fand sie reichlich peinlich. Die waren alt - was sollte das? Ich konzentrierte mich aufs Spiel und trank noch ein Bier. Gelegentlich linste ich natürlich auch mal zu den attraktiven Mädchen herüber.

In  Berlin-Reinickendorf, wo ich wohnte,  hatte ich einen 86-jährigen Nachbarn namens Alfried Schmalofsky. Herr Schmalofsky wohnte direkt unter mir im zweiten Stock. Er hatte weißes, streng nach hinten gescheiteltes Haar, eine Hakennase, einen kleinen Spitzbauch und stechend blaue Augen. Gebürtig stammte er aus einem östlichen Teil Brandenburgs, der heute zu Polen gehört. Da wir beide Bewohner eines unmodernen Berliner Altbaus waren, in dem statt einer Zentralheizung noch mit Kachelöfen geheizt wurde, mussten wir regelmäßig Kohlebriketts herauf- und volle Ascheeimer herunterschleppen, was mir mit meinen 20 Jahren noch einigermaßen leicht fiel, aber auch Herr Schmalofsky schaffte dies noch mühelos und hielt sich dadurch anscheinend körperlich fit, jedenfalls war er noch ausgesprochen rüstig. Auch geistig war er vollkommen auf der Höhe. Erst ein schwerer Auffahrunfall beförderte ihn dann einige Jahre später leider doch ins Grab.

Herr Schmalofsky hatte regelmäßig Besuch, und oft konnte ich nicht einschlafen, weil unter mir laute Wiener-Walzer-Klänge und erregte Stimmen ertönten. Dennoch mochten wir uns, und ich schätzte ihn zeit seines verbleibenden Lebens sehr.

Einmal lud mich Herr Schmalofsky zu sich ein, schenkte reichlich Bier und Schnaps aus (womit er nach eigenem Bekunden seinen Körper "gesund" hielt) und sagte: "Wissen Sie, Herr Schinka, warum ich Sie eingeladen habe? Ich hatte früher immer einen Grundsatz: Bis zum 50. Geburtstag umgib dich mit Älteren, von denen kannst du Dinge lernen, die dich voranbringen. Aber ab 50 - umgib dich mit Menschen, die jünger sind als du selbst, damit du geistig jung bleibst und nicht den Anschluss verlierst!"

Recht hatte er. Und ich halte es seitdem ähnlich, auch wenn der Abend bei Herrn Schmalofsky ("Hier, Herr Schinka, noch etwas ostpreußischer Bärenfang!") mit einem gigantischen Kater endete, jedenfalls für mich - Herrn Schmalofsky hingegen, dem ich am nächsten Tag im Treppenhaus begegnete, ging es blendend.


Alt trifft Jung

"Man wird alt, wenn die Leute anfangen zu sagen, dass man jung aussieht."
(Karl Dall)

Was sich seit dem Beisammensein mit Herrn Schmalofsky geändert hat - ich bin jetzt alt, jedenfalls bekam ich das in letzter Zeit öfter zu hören. Mit meinen 47 Jahren zähle ich jetzt anscheinend auch offiziell zum alten Eisen.

Als bei mir um die Ecke kürzlich eine Open-Air-Houseparty stattfand und ich zu den Klängen basswummernder Electro-Musik ein wenig rhythmisch mittanzen zu müssen glaubte, dauerte es keine fünf Minuten, bis ich von meiner 18-jährigen Tochter aus der Nachbarstadt eine wütende WhatsApp-Nachricht bekam, in der es sinngemäß hieß, ich sei ein peinlicher alter Sack und die "Housepark"-Veranstaltung sei eine Party für Jugendliche, auf der ich nicht das Geringste verloren hätte. Eine Freundin der Tochter - und bis vor kurzem meine Schülerin - hatte gepetzt: Einer der Nachteile, wenn man Berufsschullehrer in der kleinsten kreisfreien Großstadt Nordrhein-Westfalens ist. Man ist nirgendwo unbeobachtet - und die unangenehm berührten Kinder sind nur einen Klick entfernt. Offenbar hatte der französische Schauspieler Jean Gabin nicht ganz unrecht, als er sagte, beim Leben sei es wie im Film: "Man beginnt als jugendlicher Liebhaber, dann wird man Charakterdarsteller - und endet als komischer Alter."

Bedröppelt zog ich heim. Der Rat von Herrn Schmalofsky, den Kontakt zur Jugend zu halten, um nicht den Anschluss ans Leben zu verlieren, hatte ein schnelles Ende erfahren.
Aber mal abgesehen davon, dass ich mich nun also bald beerdigen lassen muss - gibt es denn für mich als "alten" Menschen überhaupt etwas, dass ich noch von jungen Menschen lernen könnte?

Und da gibt es in der Tat so vieles.

  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, wie erfrischend ein Lachkrampf mitten im Unterricht sein kann - zumindest, wenn man noch ein Schüler ist.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass Courage nichts mit Alter oder Bildungsgrad zu tun hat - oft sind junge Menschen viel mutiger als ältere.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass große Talente in Schulen von Lehrern oft übersehen werden und doch immer wieder vorhanden sind - und oft erst auf Abschlussfeiern von uns Älteren erstaunt zur Kenntnis genommen werden.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass das Erlernen einer oder mehrerer Sprachen für viele junge Menschen in unserem Land Alltag ist, während ich seit etwa 20 Jahren vergeblich versuche, mir Französisch beizubringen.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass manche 19-jährige Schülerin schon weiser ist als manch 47-jähriger Lehrer.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass man trotz Herkunft aus einem völlig kaputten sozialen Umfeld ein sehr netter und hilfsbereiter Mensch werden kann, der das Herz am rechten Fleck trägt.
  • Ich habe von meinen Schülern gelernt, dass die Jugend sich ihre Neugier bewahrt hat. Und das gibt mir Hoffnung, dass die Menschheit auch weiterhin die richtigen Fragen stellen wird - nach der Herkunft des Lebens, nach seinem Sinn und nach seiner Zukunft!

Die jungen Leute von heute sind die alten Menschen von morgen - sie wissen es nur noch nicht. Und die alten Menschen von heute - das sind die wilden Jungs und Mädchen von letztens.

Das Leben ist kurz - ab und zu sollte man sich das klar machen. Und milde auf Menschen anderen Alters schauen und dran denken: Auch die wollen Freude am Leben haben - und es ist ihr gutes Recht!

PS.: Letzten Sonntag trat bei mir um die Ecke eine Beatles-Cover-Band auf, Eintritt frei. Ich fand mich dort wieder unter nahezu ausschließlich 65-Jährigen und fühlte mich - jung! Die Musik war großartig, auch wenn ich Lieder der Beatles lange nicht mehr gehört hatte. "Die sind doch was für alte Leute", hatte ich viel zu lange gedacht. Dabei stimmt das gar nicht! Die Beatles sind toll - und sie sangen schon damals, als sie selbst noch kecke Jungs waren:

"Will you still need me, will you still feed me
When I'm sixty-four?"



In diesem Sinne: Bleiben Sie jung! Das Leben ist kurz.





"Life is short" - weiß auch dieses etwas drastische angelsächsische Werbevideo.

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Weblinks:

Gene für längeres, gesünderes Leben gefunden
https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2015/12/gene-fuer-gesundes-altern.html

Sonntag, 31. Mai 2015

Selfies

"Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar!"
(Paul Klee)


Portraits im Amsterdamer "Rijksmuseum"


"Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen."
(Johann Wolfgang von Goethe)

Ich gehe leidenschaftlich gerne in Museen. Erst vor ein paar Tagen habe ich einem europäischen Museum von Weltrang einen Besuch abgestattet, um mir Bilder und Skulpturen längst vergangener Künstler anzuschauen. Und dann hatte ich eine Erkenntnis.

Der Bus fuhr morgens um sieben Uhr am Hauptbahnhof ab. Mit einer Busladung Jugendlicher fuhren wir in langen dreieinhalb Stunden für nur 35 Euro nach Amsterdam, Rückreise am Abend inbegriffen.
Der überwiegende Teil der Fahrgäste schien es dort vor allem auf Coffee-Shops und frei verfügbare Rauschmittel abgesehen zu haben, ich hingegen wollte ins Museum. Kaum hatte ich den Bus verlassen, ging ich schnurstracks zu Fuß Richtung "Rijksmuseum", reihte mich in eine Schlange von Menschen ein, die im zugigen Durchgangstunnel des Museums schon begierig darauf warteten, endlich eingelassen zu werden.

Nachdem ich 17,50 Euro Eintritt bezahlt hatte (natürlich erwischte ich die Praktikantin mit der chronischen Dyskalkulie an der Kasse und wartete geschlagene fünf Minuten, bis sie die Höhe meines Wechselgeldes errechnet hatte), durchschritt ich die weihevollen Hallen mit Werken von Rembrandt und van Gogh. Von letzterem hängt dort beispielsweise ein kleines Selbstportrait. Ein Ohr hat er sich angeblich abgeschnitten, aber zu Lebzeiten so gut wie keine Bilder verkauft - und doch ist er heute einer der wertvollsten Künstler der Welt. Direkt hinter dem Rijksmuseum befindet sich sogar ein eigenes Van-Gogh-Museum.

Rembrandt?

"Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten."
(Pablo Picasso)

Menschen, Rembrandts "Nachtwache" fotografierend (l.), bewachend (m.) und betrachtend (r.).

Plötzlich geriet ich in einen Menschenauflauf vor einem riesigen Gemälde. Es war die berühmte "Nachtwache" von Rembrandt. Zwei Sicherheitskräfte bewachten es, zahllose Menschen fotografierten es wie wild, eine einzelne Frau stand aufmerksam davor und betrachtete es mit ihren Augen statt durch ein Smartphone. Ich selbst fotografierte die Menschen und die Frau. Die Security-Frau rechts neben dem Bild fixierte mich die ganze Zeit über, anscheinend verhielt ich mich irgendwie seltsam, weil ich nicht die "Nachtwache" fotografierte, sondern die Besucher.

Ein Bild rechts neben ihr erregte eher zufällig meine Aufmerksamkeit, es ist ganz klein. Das Motiv ist das gleiche wie auf dem riesigen "Nachtwache"-Bild, es ist eine Kopie davon und wird einem Schüler Rembrandts zugeschrieben. Niemand fotografierte es, nicht einmal ich. Und doch ist darauf genau das gleiche zu sehen wie auf dem berühmten Original, das am Ende einer Halle aufgehängt ist, über der in riesigen lateinischen Lettern der Name "REMBRANDT" prangt, und man kann sogar unbehindert davor stehen und sich in Ruhe jedes Detail anschauen. Beziehungsweise man könnte.

Offenbar sind alle Menschen der Meinung, nur an einem Original klebten noch irgendwelche mikroskopisch kleinen Reste von des Meisters Hand. Ein ähnliches Gefühl überläuft einen auch im Berliner Museum für deutsche Geschichte, wenn man vor Hitlers Schreibtisch oder Globus steht. Da ist noch etwas Hitler dran! Und an einem Picasso-Bild ist noch ein wenig Picasso dran! Auch ist dies - und nur dies - der Grund, warum Menschen Millionen ausgeben, um ein bestimmtes Kunstwerk auf einer Auktion zu ersteigern. Weil es das Original ist. Mit einer Spur des berühmten Künstlers daran.


Amsterdamer Rijksmuseum. Am Ende der Halle hängt Rembrandts "Nachtwache"

In einem Raum weiter vorne findet sich ein Selbstportrait Rembrandts, das ihn als Apostel Paulus zeigen soll (wozu ich nichts Gescheites sagen kann, da ich keine Ahnung habe, wie der Apostel Paulus ausgesehen hat. Eigentlich stelle ich mir da eher so einen Mann in einer Art Toga vor, Rembrandt trägt hier aber eher so etwas wie ein Handtuch um sein Haupthaar gewickelt). Auch dieses Bild erhält viel Aufmerksamkeit von Besuchern. Rembrandt ist übrigens sein Vorname, eigentlich heißt der Herr "van Rijn". Man fragt sich, warum alle Welt von "Rembrandt" spricht und nicht von "van Rijn", das ist ja irgendwie so, als würde man statt von Picasso nur von "Pablo" reden oder statt von "van Gogh" einfach nur von "Vincent". Egal.

Eingefangene Momente

"Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen." (Goethe)

Rembrandt van Rijn, Selbstportrait als Apostel Paulus (um 1661).


Portraitbüste Johann Neudörfer der Jüngere (ca. 1580)


Selfie Reinhard Schinka (2015)


Ich fotografierte das Selbstportrait, ging einen Saal weiter, wo weitere Portraits von Menschen hingen, die längst tot sind, bewunderte die Portraitbüste eines Menschen, der im 16. Jahrhundert gelebt hatte und längst zu Humus verrottet ist, machte ein Selfie vor einem alten Meister. Und als ich die Vorschau des Selfies betrachtete, dachte ich kurz nach. Warum fotografieren wir uns selbst? Warum malen Künstler Bilder von sich selbst? Warum fotografieren Menschen Bilder, die sie im Internet in sehr viel besserer Qualität bequem von zu Hause herunterladen könnten? Warum fotografieren sich Menschen vor Bildern berühmter Künstler? Warum geben Menschen Künstlern Aufträge, sie zu malen?
Und dann hatte ich einen Gedanken.

Wir machen das, weil wir einen Moment unseres Lebens festhalten wollen, der vorübergeht.
Wir wollen den Moment eines Lebens festhalten, das auch so schnell vorübergeht.
Wir wissen, dass wir sterben werden, und wir wissen, dass wir das nicht ändern können.
Und doch wollen wir bleiben, wollen wir den Augenblick festhalten und am liebsten in Stein meißeln.

Deswegen malte Rembrandt sich selbst, deswegen fotografieren sich Menschen vor Bildern, deswegen schieße ich immer wieder mal ein Selfie. Wir wollen nicht zu Staub werden und einfach so dahingehen. Wir wollen, dass, wenn schon nicht wir selbst, wenigstens etwas von uns zurückbleibt. Und wenn schon nicht wir selbst, dann wenigstens ein schöner Moment, den wir festgehalten haben.


Wie schnell doch die Zeit vergeht... zwischen beiden Bildern liegen 40 Jahre.

Die Wahrnehmung des "Jetzt", so las ich einmal, dauere 0,3 Sekunden. Man kann die Gegenwart also eigentlich gar nicht "live" wahrnehmen, sondern hinkt immer ein wenig hinterher. Aber das ist noch nichts im Vergleich zum Leben, das ja auch so schnell an einem vorüberzieht. "Geburt und Grab, ein ewiges Meer", heißt es in Goethes "Faust" (der Titelheld lässt sich als erstes auch gleich einmal vom Teufel Mephisto um einige Jahre verjüngen).

Und in einem meiner Lieblingsfilme, "Ferris macht blau", sagt Titelheld Ferris ziemlich zu Anfang: "Das Leben geht ziemlich schnell vorbei. Wenn ihr nicht ab und zu anhaltet und euch umseht, könnte ihr's verpassen."

Vielleicht denke ja nicht nur ich des Öfteren "Eben habe ich doch noch in der Schule gesessen und Tische bemalt. Wie konnte die Zeit denn nur so schnell vorbeigehen?". Und immer, wenn mir dieser Gedanken durch den Kopf schießt und ich gleichzeitig das Gefühl habe, dass das Leben trotzdem gerade eigentlich ganz schön ist, dann weiß ich: Jetzt ist es wieder an der Zeit - für ein Selfie!

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Nachtrag: Ein sehr bewegendes Bild tauchte heute in meiner Instagram-Timeline auf: Ein todkranker Patient betrachtet ein Rembrandt-Selbstportrait - er wollte es vor seinem Ableben noch einmal sehen.

https://instagram.com/p/3tFRVINl6Y/



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Weblinks:

Frühe Selfies:
http://www.spiegel.de/einestages/historische-selfies-selbstportraets-aus-der-foto-fruehzeit-a-1037694.html

Rembrandt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rembrandt_van_Rijn

Van Gogh:
https://de.wikipedia.org/wiki/Vincent_van_Gogh


Freitag, 15. Mai 2015

Ich habe einen Traum

"Ich habe eine Traum!", so lautet der Höhepunkt der Rede von Martin Luther King Jr. am 28. August 1963. Er galt der diskriminierenden Rassentrennung von hell- und dunkelhäutigen Menschen in den Vereinigten Staaten.
Ganze drei Monate und elf Tage lebten Dr. King Jr. und ich Ende der 60er noch gemeinsam auf diesem Planeten, dann durchschlug eine Kugel aus dem Gewehrlauf eines weißen Rassisten seine Halsschlagader. King verblutete noch auf der Veranda seines Hotels in Memphis, Tennessee.

Dr. Martin Luther King Jr. am 23. August 1963 in Washington.

Quelle: „USMC-09611“ von http://www.marines.mil/unit/mcasiwakuni/PublishingImages/2010/01/KingPhoto.jpg. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:USMC-09611.jpg#/media/File:USMC-09611.jpg

Rassismus ist erbärmlich

Dr. King wusste sich im Recht: Der alltägliche Rassismus in den USA war unerträglich - und hier und da ist er es heute noch immer.
Auch in Deutschland wird Rassismus wieder offen geäußert, überwiegend als Diskriminierung von Muslimen. Besonders erbärmlich ist solch rassistisches Gehabe vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Judenverfolgungen im Dritten Reich.

Ich erinnere mich, wie beschämt ich war, als ich 1993 im polnischen Ausland in einer Hotellobby die Bilder vom brennenden Haus einer türkischstämmigen Familie im westdeutschen Solingen sehen musste - ausländerfeindliche Rechtsextreme hatten es in Brand gesteckt. Fünf Menschen starben, 14 Familienmitglieder erlitten zum Teil lebensgefährliche Verletzungen (alle Täter sind heute wieder auf freiem Fuß). Die polnischen Hotelgäste hörten uns deutsch sprechen und schauten meine Begleitung und mich missbilligend an. So etwa müssen sich Muslime fühlen, wenn "bei uns" im Fernsehen über Attentate islamistischer Terroristen berichtet wird - und Deutsche dann strafend zu ihnen herüberblicken.

Wir und "die Anderen"

Wo immer Menschen leben, wird schnell unterschieden zwischen einem "Wir" - uns! - und einem "Ihr" - den Anderen eben. Je unterschiedlicher das Äußere der Menschen, je abgrenzender ihr Auftreten in der Öffentlichkeit ist, desto schlimmer die Ressentiments. Das gilt nicht nur gegenüber anderen Völkern oder Großgruppen. Auch Deutsche untereinander grenzen sich leidenschaftlich gerne gegeneinander ab:  Katholiken, Protestanten; hier die Wessis, dort die Ossis; wir auf Schalke, ihr Scheiß-Bayern. Köln. Düsseldorf. Alaaf und Helau. Da werden mit Kölsch und Alt selbst zwei obergärige Biere in den Stand einer Religion erhoben.

Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer - als Ost-Berliner endlich auch in West-Berlin studieren konnten - hörte ich im Radio einmal eine Umfrage unter West-Berliner Jura-Studenten zum Thema "Wie finden Sie es, dass Ost-Berliner jetzt auch im Westen studieren können?" - gefühlte 80 Prozent waren skeptisch bis dagegen, weil man meinte, es würde der "einheimischen" Gruppe etwas weggenommen. Bei mir als einem Nordrhein-Westfalen hatte seinerzeit niemand etwas dagegen gehabt, dass ich in West-Berlin studierte. Aber es hatte eben auch niemand eine Umfrage zu dem Thema gemacht. Glück gehabt. Etwas Ähnliches würde vermutlich auch herauskommen, wenn man fragen würde: "Sind Sie damit einverstanden, dass auch Studenten aus dem Block nebenan jetzt an Ihrer Uni studieren können?" Traurig.

Ich bin in den 90ern oft von Berlin nach Nordrhein-Westfalen und zurück getrampt. Einmal nahm mich ein Kurde mit, bot mir unterwegs Spezialitäten aus seiner Heimat an und schimpfte den Rest der Fahrt über auf "die Türken", die sein Volk unterdrückten etc. Auf dem Rückweg nahm mich ein Türke mit, den ich auf das Thema "Kurden" ansprach. Die Folge war eine längere Schimpfkanonade auf die "Terroristen", ihre "Ehrenmorde" etc. Als wir Berlin erreichten, lud er mich auf einen Döner an seinem persönlichen Lieblingsdönerstand in Kreuzberg ein. Beide Männer waren die mit Abstand gastfreundlichsten und nettesten Fahrer, die ich im Rahmen meines Berlin-NRW-Trampens kennengelernt habe. Für viele Deutschen sind beide schlicht nur "Türken" oder "Südländer". Andere halt. Traurig.



Türkisches Kulturzentrum in Deutschland.


Hut ab vor Schülern mit Migrationshintergrund!

Wie weit Menschen sich von ihren Vorurteilen steuern lassen, hängt davon ab, wie offen sie gegenüber Neuem sind. Seit 2009 unterrichte ich an unserer Schule auch viele Schüler mit Migrationshintergrund, die zum Großteil aus der Türkei stammen.
Diese jungen Menschen bereichern unsere Gesellschaft. Sie sind ambitioniert und leisten oft Erstaunliches. Die meisten sind hier aufgewachsen, ihre Eltern oder Großeltern kamen als Gastarbeiter zu uns, zu Hause wird oft Türkisch gesprochen, was es den jungen Menschen erschwert, eine Schriftsprachkompetenz im Deutschen zu erwerben, mit der man in diesem Land erfolgreich Karriere machen kann, handelt es sich dabei doch um eine Schlüsselqualifikation.
Ich habe Eltern kennen gelernt, für die ihre Kinder dolmetschen mussten. Diese können auch nicht wie die Eltern des einen oder anderen Gymnasiasten oder Berufsschülers hunderte von Euro in Nachhilfestunden stecken, um schulische Defizite ihrer Kinder auszubügeln. Ich habe unglaublichen Respekt vor allen Schülerinnen und Schülern, die aus der Türkei, aus Syrien, dem Irak, aus Russland, Serbien und anderen Ländern zu uns gekommen sind und hier innerhalb kurzer Zeit ein auch nur halbwegs vernünftiges Deutsch gelernt haben! Umgekehrt würde ich selber nie Französisch und Arabisch oder Türkisch, geschweige denn Russisch oder Serbisch, in so kurzer Zeit erlernen können! Hut ab vor euch! (Leider fallen uns Lehrern solche Sätze zu selten im Unterricht ein!)

Menschen sind geprägt durch die Kultur ihres Elternhauses, ob sie wollen oder nicht. 80 Prozent der Kinder gehören der Konfession ihrer Eltern an, gleich, ob katholisch oder muslimisch. Menschen sind aber auch stets bereit, sich auf Neues einzustellen und zu lernen. Sonst würde Schule keinen Sinn machen. Man muss aber auch auf andere Menschen zugehen und ihnen die Hand reichen und ihnen zeigen, dass sie Teil eines "Wirs" sind. Gibt man ihnen das Gefühl, sie seien ja nur ein Teil "der Anderen", dann sagen sie irgendwann "wir" und meinen "wir Türken" oder "wir Muslime", und nicht "wir Berliner", "wir Deutschen" oder "wir "Europäer".

Und deswegen muss die alltägliche Diskriminierung aufhören. Bewerber mit deutschen Namen erhalten bei gleicher Qualifikation insgesamt 14 Prozent mehr positive Antworten als die Bewerber mit türkischen Namen. Tobias und Dennis bekommen oft das Praktikum, Serkan und Fatih gehen häufig leer aus. (Quelle: Spiegel online)

Es ist ein Zeichen mangelnden zwischenmenschlichen Respekts, wenn die seit ihrem siebten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsene türkischstämmige Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan von einem Journalisten des Hessischen Rundfunks gefragt wird, wie sie denn "als Fremde" Europa erlebe und erstaunt zurückfragt: "Wieso 'Fremde'?" - und er hinterherschiebt: "Na ja, als HALBfremde, als Türkin sozusagen."

Aber Menschen sind mehr als die Summe ihrer Vorurteile.

Und deshalb habe auch ich noch immer einen Traum.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages Serkan und Fatih genau so gut an einen Praktikumsplatz gelangen wie Tobias und Dennis. Dass "ausländische Mitbürger" als "einheimische Bürger" gesehen werden und alle Bürger als Menschen wie du und ich.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auch in diesem Land und überall auf der Welt die Menschen erkennen, dass ein respektvolles und tolerantes Miteinander so viel stärker ist als ein respektloses und hasserfülltes Gegeneinander und dass Einseitigkeit und Unvernunft den Menschen wieder zum Tier machen, während Vielseitigkeit und Vernunft Kräfte sind, die Menschen zu etwas machen, das den Namen Menschheit verdient.

Ich habe einen Traum: Dass die Liebe den Hass überwinden kann und eines Tages alle Völker Freunde werden!

Dies ist meine Hoffnung, dies ist mein Glaube.

Amen!



"Ich habe einen Traum - I have a dream"

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Manager Magazin: Migranten - Neues Deutschland.