Samstag, 20. April 2013

Hitler und kein Ende


An dieser wenig spektakulären Stelle schoss sich am Montag, den 30.04.1945,
8 Meter unter der Erde, Adolf Hitler gegen 15:45 Uhr eine Kugel in den Kopf.


Hitler - Sie wissen schon - der, wegen dem viele unserer Städte so hässlich sind und wegen dem wir im Ausland nicht immer politisch korrekt gegrüßt werden - Hitler also - wäre heute 124 Jahre alt geworden. Und am 30. April vor 68 Jahren schoss er sich dann dankenswerterweise endlich eine Kugel in den Kopf. Damit endete, auch wenn noch ein paar Tage weitergekämpft wurde, in Europa der Zweite Weltkrieg.

In seinen letzten Tagen hatte Hitler "sein" Volk (also uns) abgeschrieben: Es habe sich als das schwächere erwiesen, er werde ihm "keine Träne nachweinen". Die Völker des Ostens seien eben stärker gewesen, und der Stärkere setze sich nun einmal immer gegen den Schwächeren durch. Die Natur sei da "unerbittlich". Undsoweiter undsoweiter.


Hitlers falsches biologistisches Weltbild 

Hitler bleibt ein grausames Beispiel für Menschen, die von der wunderbaren Naturwissenschaft Biologie und ihren Unterabteilungen Evolution und Genetik leider nur einen Teil (und diesen eigentlich auch eher falsch) verstanden haben, sich hieraus aber in kürzester Zeit ein komplett geschlossenes Weltbild hergeleitet haben.

Jeder Biologie-Referendar könnte Hitler heute erklären, warum seine Ideologie aus wissenschaftlicher Sicht Blödsinn war:

  • Nicht der Stärkere setzt sich gegen den Schwachen durch, sondern der am besten Angepasste gegen den schlechter Angepassten (was immer von den jeweiligen Umweltbedingungen abhängt, welche sich auch mal schlagartig ändern können)
  • Es gibt gar keine "minderwertigen" oder "höherwertigen" menschlichen Rassen, es gibt streng genommen gar keine menschlichen Rassen (da dieser Begriff genauen biologischen Kriterien nicht genügt), sondern es gibt höchstens graduelle Unterschiede von Eu- und Phäomelaninkonzentrationen in Haut und Haar, kleinere Mutationen bei Augenlidfalten, Blutgruppenverteilungen etc., die für die Fortpflanzungsfähigkeit und -bereitschaft untereinander keine Rolle spielen (außer man ist Rassist, wie Hitler). Sogar in Wikipedia kann es jeder Interessierte lesen: "In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute nicht mehr in Rassen unterteilt. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen haben seit den 1970er Jahren gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der größte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist. Die Einteilung des Menschen in Rassen entspricht damit nicht mehr dem Stand der Wissenschaft."
  • Auf die "Reinheit" seiner "Rasse" zu achten, ist auch Unsinn, da "die Natur" immer die Vielfalt begünstigt und nicht die Einfalt (vgl. auch Monokulturen von Wäldern bei Schädlingsbefall etc.)
  • Der Lebensraum der Menschen ist in Deutschland nicht "zu klein" (dann wären wir lange verhungert). Im Fürstentum Monaco leben 15.250 Menschen pro Quadratkilometer, in Südkorea immerhin noch 487. Ach ja, und in Deutschland nur 230. Die nur ca. 1,2 Hektar große kolumbianische Insel Santa Cruz del Islote weist übrigens rechnerisch eine Bevölkerungsdichte von etwa 100.000 Einwohnern pro Quadratkilometer auf. Die brauchen vielleicht wirklich mehr Lebensraum dort, bisher gab es aber diesbezüglich noch keine Klagen.
Hitler wurde also nicht nur von der Geschichte und von der Menschlichkeit, er wurde auch von der Wissenschaft längst glänzend widerlegt.


Hauptsache größer: Hitlers Masterplan für Germanias neue Mitte im Museum


Leider fielen Hitlers Theorien zum Teil in diesem Lande auf erstaunlich fruchtbaren Boden. Die Mischung aus Unwissenheit, Wegsehen und Nicht-Wahrhaben-Wollen auf der einen sowie Begeisterungsfähigkeit, Idealismus und Patriotismus auf der anderen Seite zeigte Wirkung. Noch heute gäbe es sicher unzählige Adolf-Hitler-Plätze, -Straßen und -Statuen in Deutschland, wäre dieser 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen (so vermutet zumindest der Historiker Sebastian Haffner in seinem Buch "Geschichte eines Deutschen").

Hitlers weitere spektakuläre Bilanz(1):
  • 219.600 tote Sinti und Roma
  • 250.000 tote Euthanasie-Opfer
  • 3.300.000 tote sowjetische Kriegsgefangene
  • 3.340.000 - 4.300.000 tote nichtjüdische Zivilisten, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Deportierte
  • 6.000.000 tote Juden

Durch den Zweiten Weltkrieg ließen allein in Europa über 45 Mio. Menschen ihr Leben.


Ehemals deutsches Gut in Pommern: entschädigungslos konfisziert, Bewohner vertrieben

Außerdem - wenngleich von diesem ungewollt - gehen auf Hitlers Konto:

  • Verlust Hinterpommerns, Schlesiens, Ostbrandenburgs und Ostpreußens: Deutschland verlor ein Viertel seines Gebiets von 1937 - ein Fünftel seiner Bevölkerung wurde vertrieben (12 bis 14 Millionen Deutsche). Mehrere hunderttausend Menschen wurden in Lagern inhaftiert oder mussten – teilweise jahrelang – Zwangsarbeit leisten. 
  • Tod von 600.000 bis 2.000.000 Deutschen auf der Flucht. 
  • Eine große Zahl von Frauen aller Altersgruppen wurde vergewaltigt (Schätzungen beziffern die Zahl auf rund 2 Millionen), es gab etwa 240.000 Todesopfer infolge von Vergewaltigungen durch die Rote Armee
  • Teilung Deutschlands: Das Land blieb 40 Jahre lang geteilt, davon 28 Jahre mit Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen
All dies war die Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und Kriegsverbrechen in Ostmittel- und Südosteuropa.




"Der Führer" lebt weiter - in manchen Köpfen

Und Hitler? Er erfreut sich weiterhin hoher Beliebtheit bei manchen Deutschen und Österreichern:

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergab 2012: Knapp 16 Prozent der Ostdeutschen haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild - Tendenz steigend. Im Westen sieht es zum Teil nicht besser aus: "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß", meinen 19,7 Prozent der Befragten aus Westdeutschland (nachzulesen unter: http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_12/mitte-im-umbruch_www.pdf).

Auch das Bergische Wuppertal hat sich in den vergangenen Jahren offenbar zu einer Hochburg der rechtsextremen Szene entwickelt. Dort werden schon gerne einmal Kino-Vorführungen von Rechtsextremisten gestört. Die Welt berichtet: "Die Männer singen das NS-Propagandalied 'Ein junges Volk steht auf', sie sind mit Schlagwaffen, Messern, Gas- und Pfeffersprays bewaffnet. Sicherheitsleuten gelingt es in einem Handgemenge, die Männer vor die Tür zu befördern. Daraufhin werfen sie Steine vor die Fassade."



Hitlers Heimat Österreich: 61 Prozent wünschen sich wieder einen "starken Mann"


Die Vergangenheit wird hier und da fleißig geschönt, so auch bei unseren österreichischen Nachbarn: Zum Jahrestag des Anschlusses Österreichs ans Deutsche Reich (1938) wollte die liberale Tageszeitung "Der Standard" in einer repräsentativen Umfrage herausfinden, wie der gemeine Österreicher über dieses Thema denn so denke. Ergebnis: 42 Prozent der Befragten stimmten der Aussage "Unter Hitler war nicht alles schlecht" zu . 54 Prozent antworteten auf die Frage, ob Nationalisten in Österreich mit einer völkischen Ideologie bei Wahlen eine Chance hätten, mit "Ja". 61 Prozent der Befragten hätten gerne einen "starken Mann" an der Spitze des Landes. Na, Mahlzeit!

Diese Trends spiegeln sich auch in Wahlerfolgen der rechtsextremen deutschen NPD: Schon bei der Landtagswahl 2006 erreichte die NPD in Mecklenburg-Vorpommern 7,3 Prozent der Stimmen. 2011 erzielte sie im Landtagswahlkreis Uecker-Randow I 15,4 Prozent der Zweitstimmen und kam in zwölf Gemeinden, die alle im neuen, an Polen grenzenden Landkreis Vorpommern-Greifswald liegen, auf Ergebnisse von über 22 Prozent. Wie sich da wohl die Polen unmittelbar hinter der Grenze fühlen mögen?

Ausgerechnet am 20. April - Führers Geburtstag - trifft sich die NPD zum Parteitag. Parteisprecher Frank Franz nannte die Terminierung "unschön". Dem kann man nur vorbehaltlos zustimmen.
Wie der SPIEGEL berichtet, wünscht sich die Partei "einen alten Hardliner zurück".

Immerhin machen sich auch die Rechten gerne selbst Konkurrenz: Der Neonazi Christian Worch gründete im vergangenen Jahr "Die Rechte" - laut SPIEGEL "ein Sammelbecken von frustrierten NPD-Kadern, ehemaligen DVU-Mitgliedern und Autonomen Nationalisten."

Noch 2011 erhielt die NPD vom deutschen Staat 1,3 Mio. Euro an staatlichen Mitteln. Kaum zu glauben - aber gesetzliche Pflicht bei solch stattlichen Wahlerfolgen. Einziger Trost: Bei der NPD kann man anscheinend so schlecht mit Geld umgehen, dass im April 2013 alle Mitarbeiter der Berliner Zentrale entlassen werden mussten. Ein kleiner Trost. Aber die Gesinnung bleibt.

Etwa 25.000 Rechtsextremisten gibt es laut Verfassungsschutz (2011) in Deutschland, 5600 davon werden als "gewaltbereit" eingestuft, die deutschen Sicherheitsbehörden fahnden nach 266 in den Untergrund abgetauchten Neonazis. Die Szene ist "dynamisch, vernetzt, vielfältig und einflussreich" (Die Zeit).

Nicht einmal im Gefängnis ist Schluss. Schon im Herbst 2011 hatte der deutsche Bundesinnenminister ein rechtsradikales Netzwerk, die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige", verboten. Im April 2013 deckten die hessischen Justizbehörden ein bundesweit operierendes rechtsradikales Netzwerk in deutschen Gefängnissen auf.

Über ihre Musik rekrutieren Neonazis fleißig Nachwuchs: Seit den 1980er Jahren steigt die Zahl der Neonazi-Bands stetig an, jedes Jahr gibt es hunderte illegaler Konzerte.

Nichts aus der Geschichte gelernt

Was geht vor in den Köpfen von Neonazis? Ich verstehe es nicht. Und ich werde es nie verstehen.
  • Wie vieler Toten hätte es denn noch bedurft, damit kein Deutscher Adolf Hitler auch nur eine Träne nachweint?
  • Wie wenig Mitgefühl muss man haben, um allen ermordeten jüdischen, polnischen, russischen und all den anderen Kindern gleich welcher Nationalität ins Jenseits nachzubrüllen, man sei "stolz, ein Deutscher zu sein"?
  • Hätte man Deutschland - wie im Morgenthau-Plan erwogen - vielleicht doch besser in einen Agrarstaat verwandelt?

Hitlers Globus samt Einschussloch im Deutschen Historischen Museum Berlin


Was hilft?

Was hilft gegen rechtes Gedankengut? In der Schule arbeiten tausende Lehrerkolleginnen und -kollegen täglich daran, das Vergessen zu verhindern und ein "Nie-wieder!" in die Köpfe der Jugendlichen zu hämmern. Im Wesentlichen mit Erfolg: Der überwiegende Teil der Schülerinnen und Schüler möchte mit Nazis nichts zu tun haben und geht verantwortungsbewusst mit dem Thema um. Auch wenn der eine oder andere Übersättigungseffekt eintreten mag, wenn zum fünften Mal in Folge "Schindlers Liste" im Unterricht geguckt wird.

Das Faktenwissen über die Hitler-Zeit ist hierbei z. T. mäßig, da irgendwann das tiefere Interesse an der Epoche zu erlöschen scheint. Auf meine Frage im Politik-Unterricht, wann genau Hitler starb, erhielt ich (neben beinahe richtigen) auch schon die folgenden Antworten:

  • "So 1950?"
  • "In den 60er Jahren?" sowie den Hinweis:
  • "Der wurde doch von diesem Adenauer ernannt!"

Bei einer Vorführung des erschütternden Nachkriegs-Dokumentarfilms von Erwin Leiser "Mein Kampf" schlief die Hälfte der Schülerinnen und Schüler schon nach einer Viertelstunde demonstrativ auf dem Tisch ein (nach Ausschöpfung aller vorherigen denkbaren Ablenkungsmöglichkeiten mit dem Smartphone). Entspricht wohl nicht mehr den Blickgewohnheiten der heutigen Generation.

Die Programme der Bundesregierung konzentrieren sich überwiegend auf präventive Maßnahmen, etwa in dem Sinne "Vielfalt tut gut", "Toleranz statt Vorurteil" etc. Ziel ist vor allem eine Stärkung der Zivilgesellschaft.

2011 hat das Bundesfamilienministerium 24 Millionen Euro für die Bekämpfung von Rechtsextremismus ausgegeben (warum eigentlich das Familienministerium?). Daneben gibt es noch ein Aussteigerprogramm des Arbeitsministeriums (wieso eigentlich des Arbeitsministeriums?). Die Ausgaben der Bundesländer reichen von nur 50.000 Euro in Schleswig-Holstein (Nanu?) bis zu 2 Millionen in Bayern. Sachsen erhöhte für 2012 seinen Etat von 2 auf 3 Millionen Euro. Die Bundeszentrale für politische Bildung gibt jährlich auch noch etwa 2,3 Millionen Euro aus.
In Deutschland gibt es darüber hinaus eine Vielzahl von nichtstaatlichen Initiativen und Organisationen, etwa die Antifaschistische Aktion (Antifa), die Antirassistische Initiative, das Netzwerk für Demokratie und Courage und viele andere mehr.
Was bleibt, ist die Frage nach der Wirksamkeit aller bisherigen Programme gegen Rechtsextremismus. Offenbar ist dieser schon länger Teil einer Jugendkultur geworden, die meint, ihren Protest gegen den gesellschaftlichen Ist-Zustand auf diese Art und Weise artikulieren zu müssen. Besonders - aber nicht nur - im Osten. Auch wenn es noch so entwürdigend und peinlich für alle Deutschen ist.

Hitler ist 68 Jahre tot. In zwei Jahren erlischt damit in Deutschland auch sein Urheberrecht. Jeder noch so Gestörte darf dann Hitlers wirres Werk "Mein Kampf" publizieren. Man darf gespannt sein, ob einem dann von Neonazis in Fußgängerzonen Gratis-Exemplare gereicht werden.

Widerstand erlaubt - "wenn andere Abhilfe nicht möglich ist"

Dummheit könne man nicht verbieten, so der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler. Aber was hilft dann?

Ein kleiner Trost bleibt: Gegen jeden, der es unternimmt, diese freiheitlich-demokratische Ordnung zu beseitigen, "haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." Dieses in Artikel 20  Abs. 4 des Grundgesetzes verbriefte "Recht zum Widerstand" ist Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland und gilt als grundrechtsgleiches Recht.
Voraussetzung ist allerdings, dass sonst wirklich gar nichts mehr hilft gegen die Feinde dieser Grundordnung.

Hitlers Rest

Was blieb eigentlich - im biologischen Sinne - von Hitler selbst übrig? Seine Leiche wurde im Hinterhof des "Führerbunkers" unvollständig verbrannt und zunächst verscharrt, dann von sowjetischen Soldaten exhumiert, nach Moskau gebracht und gerichtsmedizinisch untersucht. Anschließend wurden die Überbleibsel - warum auch immer - zurück nach Deutschland, in eine sowjetische Kaserne bei Magdeburg transportiert, wo dann der klägliche Rest des "Führers" 1970 auf Anweisung von KGB-Chef Andropow  verbrannt wurde. Die Asche von "Deutschlands Verderber" (so der Aufdruck auf Hitler-Briefmarken, die nach dem Krieg zunächst weiter genutzt wurden) wurde von einer ironischerweise "Schweinebrücke" genannten Querung des Brackwasser Biederitz am Stadtrand von Magdeburg in ein unschuldiges, fortan nunmehr bräunlichen Bächlein gestreut.

Leider gilt für ihn besonders am heutigen Tage der Spruch: "Er ist nicht wirklich tot, so lange wir seiner gedenken." Die Frage ist nur eben, - wie.


Spätes Ende 1970 in einem bräunlichen Bächhlein: Adolf Hitler



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(1) Quellen: John Preger, W. van Mourik, Eddy Bauer: Bilanz eines Weltkrieges. (1978) Lekturama, 2. Auflage 1981. / Hellmuth Auerbach: Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In: Wolfgang Benz (Hg.): Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte. Dtv, Neuauflage 1992, ISBN 3-423-04666-X, S. 161 f.

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