Mittwoch, 27. Januar 2016

Holocaust

"Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt."
(Mahatma Gandhi)

"Die Geschichte ist der beste Lehrer mit den unaufmerksamsten Schülern."
(Indira Gandhi)

Heute ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Was einst einmal freudig als "Kaisers Geburtstag" gefeiert wurde, dient nun dem Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945. Doch Deutschlands zentrale Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas ist längst zur kosmopolitischen Fun-Location einer spaßorientierten und geschichtsvergessenen Welt-Jugend mutiert.

Über Silvester war ich wieder einmal in meiner zweiten Heimat Berlin. Während meine Tochter in einem Kino am Potsdamer Platz einen Film schaute, spazierte ich hinüber zum Brandenburger Tor, vorbei an zwei bemerkenswerten Orten deutscher Geschichte.

Da ist zunächst einmal der Ort, an dem sich am 30. April 1945 Adolf Hitler erschoss. Eine Informationstafel am Ende der Straße "In den Ministergärten" informiert darüber, wie sich der entrückte "Führer" des Dritten Reichs in seinem Bunker acht Meter unter der Erde final aus dem Verkehr zog und von seinen Schergen auf der anderen Bordsteinseite des heute dort befindlichen Parkplatzes mit Benzin übergießen und verbrennen ließ, um nicht von den siegreichen Russen "in einem Panoptikum ausgestellt zu werden".

Wir schrieben an anderer Stelle darüber, wo Hitlers sterbliche Überreste dann noch so endeten.

An der Gedenktafel kam ich mit einer Gruppe junger Italienerinnen und Italiener ins Gespräch, die offenbar gehofft hatten, hier noch ein paar originale Nazi-Bauten vorzufinden und enttäuscht auf die DDR-Plattenbauten der späten 80er-Jahre starrten. Ich verwies sie zum Flughafen Tempelhof und zum heutigen Finanzministerium, und sie zogen zufrieden weiter.

Während ich noch über das für mich leicht befremdliche Architektur-Interesse dieser jungen Leute nachsann, durchquerte ich das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas - einen riesigen Haufen grauer monolithischer Steinblöcke.


Junge Leute auf dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas.

Während man durch die Stelenreihen schreitet, zumal im Dunklen, bekommt man ein eigenartiges Gefühl. An den Seiten der Steinquader rinnt kondensiertes Wasser herab, und man meint, dass diese Stelen tatsächlich weinten, voller Trauer für das, was sie hier symbolisieren sollen: den schlimmsten Völkermord der Menschheitsgeschichte.

Nachdem man seit 1933 im Deutschen Reich die jüdischen Mitbürger systematisch entrechtet und ausgegrenzt hatte, wurden sie nach und nach ihrer letzten verbliebenen Menschenwürde beraubt, drangsaliert, misshandelt, verschleppt, gefoltert und am Ende fabrikmäßig ermordet. Auch vor Babys und Kleinkindern machte die Mordmaschine der Deutschen und ihrer Gehilfen nicht halt, vor Frauen und Greisen natürlich auch nicht. Ihr Eigentum wurde beschlagnahmt, herausgebrochene Goldzähne wurden eingeschmolzen, geschorenes Frauenhaar wurde in Kriegsgütern als Dämm-Material "recycelt". Das Grau der heutigen Stelen erinnert uns an die Asche der ermordeten Juden.

"Wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng", schrieb einst der Dichter Paul Celan über den Massenmord aus Sicht der Opfer. Und weiter:

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau."

All dies geht mir so durch dem Kopf, während ich das Mahnmal abschreite.

Aber nicht jedem geht es hier so wie mir. Um mich herum rennen lachende junge Menschen hintereinander her, hüpfen vollbärtige 25-jährige Hipster musikhörend von einer Stele zur nächsten, machen Pärchen lachend "Gefällt-mir"-heischende Selfies von sich, - und hier und da klingt das Platzhirschgebrüll junger pubertierender Schüler herüber, die sich irgendetwas Vulgäres zukrakeelen.

Ich muss an eine Szene denken, die sich während meines Studiums in Berlin den 90ern zugetragen hatte.

Damals jobbte ich einmal an Wochenenden als Wachmann und verbrachte eine Mittagspause aus Interesse in der NS-Gedenkstätte Plötzensee. Dort kann man die Hinrichtungskammern der deutschen Rebellen gegen Adolf Hitler besichtigen, die dort vor einer Kamera an Fleischerhaken langsam an Metallschnüren aufgehängt wurden und so qualvoll erstickten. Hitler soll sich das Ganze später als Film angesehen haben.
Auch dort traf ich auf eine Gruppe kichernder und herumalbernder Jugendlicher, die offenbar von einer wohlmeinenden Geschichtslehrkraft gegen ihren Willen dorthin verschleppt worden waren. Meine Körpergröße von fast zwei Metern und die blaue Wachmann-Uniform brachten sie kurzzeitig zum Schweigen, im Nebenraum ging das Gekicher dann fröhlich weiter.

Was ist denn so schwer daran, den Ernst der historischen Geschehnisse zu begreifen? Hat all dies keinen Bezug mehr zum aktuellen Dasein? Ist es einfach zu lange her, dass es noch dramatisch wirkt?

Muss es das?

Ich verließ das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor und sah noch einmal zurück. Dort standen sie auf den Stelen: junge Menschen, die das Europa von morgen sein werden. Der lachende Pole mit iPhone, die blonde Schwedin mit rotem Schal. Irgendwo hinter ihnen hatte sich einst Hilter erschossen. Und irgendwo aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit klingt es noch immer zu mir herauf:

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith.



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Weblink: Ein Hipster-Model posiert im Holocaust-Mahnmal: https://www.instagram.com/p/BL0eNqcj46s/